Die 4%-Regel im Ruhestand: Grenzen und realistische Alternativen
William Bengen, der Erfinder der 4%-Regel, hat selbst darauf hingewiesen, dass eine starre Bindung an diese Zahl bedeutet, sich ein wenig selbst zu betrügen. Morningstar empfiehlt für 2026 hingegen 3,9 %. Zwei anerkannte Quellen, zwei unterschiedliche Richtungen. Wer versteht, warum das so ist, kann diese Regel erst richtig anwenden.
Die Frage stellt sich früher oder später in jeder Ruhestandsplanung: Kann ich dauerhaft 4 % pro Jahr entnehmen, ohne mein Vermögen aufzubrauchen? Diese Frage wurde vor rund dreißig Jahren durch empirische Forschung beantwortet — und die Antwort dominiert noch heute die Debatte. Das Problem: Die Bedingungen, unter denen die Antwort ermittelt wurde, unterscheiden sich erheblich von der heutigen Realität.
Entstehung der 4%-Regel — Bengen (1994) und die Trinity-Studie (1998)
Die 4%-Regel basiert nicht auf Intuition, sondern auf Daten.
1994 analysierte der Finanzplaner William Bengen historische US-Marktdaten ab 1926. Er modellierte ein Portfolio aus US-Aktien (S&P 500) und mittelfristigen Staatsanleihen mit jährlich inflationsbereinigten Entnahmen über 30 Jahre. Die Frage lautete: Welche Entnahmerate hätte selbst im schlechtesten historischen Ausgangsszenario überlebt? Dieses schlechteste Szenario war der Rentenbeginn im Jahr 1966 — unmittelbar vor einer langen Phase aus Inflation und schwachen Märkten. Das Ergebnis: SAFEMAX 4,15 %, in der Branche vereinfacht auf “4 %”.
1998 überprüften drei Professoren der Trinity University diese Ergebnisse unabhängig mithilfe von 70 Jahren Marktdaten (1925–1995). Ihr Befund: 4 % Entnahme, 50/50 Aktien-Anleihen-Mix, 30-jähriger Zeitraum — historische Erfolgsquote 95 %. Bei 75 % Aktienanteil stieg die Erfolgsquote auf 98 %; bei einer Entnahmerate von 5 % fiel sie auf 68 %.
Ein wichtiger Hinweis für Anleger außerhalb der USA: Beide Studien basieren ausschließlich auf amerikanischen Aktien- und Anleihendaten. Es gibt keine Garantie, dass diese Zahlen direkt auf ein global diversifiziertes Portfolio übertragbar sind. Sie sollten als Orientierungspunkt dienen — nicht als universelle Richtlinie. Wer ein international ausgerichtetes Portfolio hält, sollte eine separate Überprüfung anhand der tatsächlich gehaltenen Indizes in Betracht ziehen.
Funktionsweise der Regel — der Mechanismus im Detail
Die Regel hat eine präzise Definition, die im alltäglichen Gebrauch häufig verloren geht. Es geht nicht darum, jedes Jahr 4 % des aktuellen Portfoliowerts zu entnehmen. Korrekt ist: Im ersten Jahr werden 4 % des Startkapitals entnommen; dieser Betrag wird in den Folgejahren jährlich um die Inflationsrate erhöht. Die reale Kaufkraft der Entnahme bleibt konstant — auch wenn das Portfolio gesunken ist.
Beispiel mit einem Startkapital von 1.000.000 €: Jahr 1 — 40.000 € Entnahme. Bei 3 % Inflation: Jahr 2 — 41.200 €, Jahr 3 — 42.436 €. Diese Beträge werden auch bei Kursrückgängen entnommen — darin liegt die eigentliche Herausforderung in schwachen Marktphasen.
Die Vermögensaufteilung beeinflusst die sichere Entnahmerate stärker als vielfach angenommen:
| Aktien / Anleihen | Sichere Entnahmerate (30 Jahre) |
|---|---|
| 20 / 80 | 3,2 % |
| 40 / 60 | 3,7 % |
| 50 / 50 | 4,0 % |
| 60 / 40 | 4,1 % |
| 70 / 30 | 4,1 % |
| 100 / 0 (nur Aktien) | 3,8 % (Volatilität stark erhöht) |
Ein Portfolio mit 100 % Aktienanteil erzielt keine höhere sichere Entnahmerate — sie sinkt sogar leicht. Die erhöhte Volatilität treibt die Ausfallquote schneller in die Höhe, als die höheren Renditeerwartungen ausgleichen können.
Drei strukturelle Grenzen der 4%-Regel
Die Regel hat dreißig Jahre überdauert, was bemerkenswert ist. Dennoch gibt es drei strukturelle Schwachstellen, die eine unveränderte Anwendung erschweren.
Grenze 1 — Die 30-Jahre-Annahme. Die Trinity-Studie wurde für maximal 33 Jahre validiert. Bei einem 45-jährigen Zeitraum sinkt die sichere Rate von 4,1 % auf ca. 3,5 %. Bei 60 Jahren — dem Szenario eines sehr frühen Ruhestands — empfiehlt die Forschung von Early Retirement Now eine Rate von 3,25 %.
Grenze 2 — Fokus auf US-Daten. Die Datenbasis sind US-amerikanische Aktien und Anleihen. Wer ein global diversifiziertes Portfolio aufbaut, benötigt eine eigenständige Überprüfung.
Grenze 3 — Starre Entnahme. Das Modell geht davon aus, dass unabhängig von der Marktentwicklung jedes Jahr derselbe inflationsbereinigte Betrag entnommen wird — auch bei einem Kursrückgang von 30 %. Die Ausgaben echter Rentner folgen diesem Muster selten.
Die jährlichen Empfehlungen von Morningstar zeigen, wie stark die “sichere” Rate schwankt:
| Jahr | Morningstar-Empfehlung |
|---|---|
| 2021 | 3,3 % |
| 2022 | 3,8 % |
| 2023 | 4,0 % |
| 2024 | 3,7 % |
| 2025 | 3,7 % |
| 2026 | 3,9 % |
Quelle: FA Magazine — Morningstar Entnahmerate 2026
Dass dieser Wert innerhalb von fünf Jahren zwischen 3,3 % und 4,0 % geschwankt hat, ist das stärkste Argument gegen die Behandlung einer einzelnen Zahl als dauerhafte Wahrheit. Der Wert von 3,9 % für 2026 gilt für ein Portfolio mit 30–50 % Aktienanteil — ein vergleichsweise konservativer Ausgangspunkt, den man berücksichtigen sollte, wenn die eigene Allokation aktienbetonter ausfällt.
Sequenzrisiko — Warum die Reihenfolge der Renditen entscheidend ist
Das Sequenzrisiko wird durch die Inflation verschärft, da der Entnahmebetrag jedes Jahr steigt. Wie die Inflation den Wert Ihrer Ersparnisse still aushöhlt zeigt, wie dieser Prozess langfristig wirkt.
Dies ist das am häufigsten unterschätzte Risiko in der Rentenplanung. Die durchschnittliche Rendite allein sagt wenig — es kommt darauf an, in welcher Reihenfolge die Renditen eintreffen.
Empirische Analysen zeigen: Bei identischer langfristiger Durchschnittsrendite kann ein Portfolio mit frühen Verlusten gegenüber einem Portfolio mit frühen Gewinnen am Ende rund 54 % kleiner ausfallen — auf Basis spezifischer Szenarioannahmen, nicht als allgemeine Garantie, aber als konsistentes Richtungsrisiko (Charles Schwab: Sequenzrisiko).
Der Mechanismus: In der Ansparphase bedeutet ein schlechtes Jahr, günstig nachzukaufen. In der Entnahmephase erzwingt ein schlechtes Jahr den Verkauf gesunkener Positionen zur Deckung der Lebenshaltungskosten. Die Verluste werden realisiert; die Basis für zukünftiges Wachstum schrumpft unwiederbringlich.
Eine praxiserprobte Reaktion ist die Bond-Tent-Strategie (dokumentiert in Kitces.com-Forschung): In den drei bis fünf Jahren vor und nach dem Rentenbeginn — der sogenannten Roten Zone — wird der Anleihen- und Kassenbestand vorübergehend erhöht und danach schrittweise wieder abgebaut. Diese Strategie tauscht einen Teil des langfristigen Renditepotenzials gegen Schutz vor dem ungünstigsten Sequenzszenario.
Vergleich der Alternativen — Welche Rate passt zu Ihrer Situation?
Der vertretbare Bereich sicherer Entnahmeraten reicht von 3,0 % bis 5,7 %, abhängig von der Bereitschaft, Ausgaben flexibel zu gestalten. Die richtige Rate hängt stark von der Vermögensaufteilung ab — Grundlagen der Vermögensaufteilung erklärt, wie die Gewichtung von Aktien und Anleihen die Obergrenze jeder Entnahmestrategie bestimmt.
| Strategie | Anfängliche Entnahmerate | Wesentliche Merkmale |
|---|---|---|
| Konservativ-fest | 3,0–3,5 % | Zeitraum 40+ Jahre, hohe Marktbewertungen, maximaler Sicherheitspuffer |
| Morningstar 2026 Basis | 3,9 % | 30 Jahre, 90 % Erfolgsquote, Aktienanteil 30–50 % |
| Ursprüngliche 4%-Regel | 4,0 % | 30 Jahre, 50/50, US-Historiendaten |
| Bengen aktualisiert (2021/2023) | 4,7 % | Breite Diversifikation (Small-Cap, internationale Aktien) |
| Guyton-Klinger Leitplanken | 5,2–5,6 % | Entnahme ±10 % je nach Marktentwicklung |
| Flexibles Morningstar-Modell | bis 5,7 % | Voraussetzung: echte Ausgabenflexibilität |
Quelle: Morningstar State of Retirement Income 2025
Überlebensquoten des Portfolios nach Entnahmerate und Zeitraum (50/50-Allokation, historische Simulation):
| Entnahmerate | 30 Jahre | 40 Jahre | 50 Jahre | 60 Jahre |
|---|---|---|---|---|
| 3,0 % | 100 % | 100 % | 100 % | 100 % |
| 3,5 % | 100 % | 99 % | 98 % | 97 % |
| 4,0 % | 95 % | 89 % | 85 % | 82 % |
| 4,5 % | 86 % | 78 % | 72 % | 68 % |
Der Guyton-Klinger-Ansatz ist wegen seiner hohen Anfangsrate attraktiv, setzt jedoch echte Verhaltensflexibilität voraus: Die Regeln schreiben vor, die Entnahmen um etwa 10 % zu reduzieren, wenn das Portfolio unter bestimmte Schwellenwerte fällt. Kitces.com hat gezeigt, dass die tatsächlich erforderlichen Kürzungen in der Praxis tiefer und häufiger ausfallen können als erwartet. Wer größtenteils feste Ausgaben hat, ist mit einer konservativ-festen Strategie besser bedient.
Hinweis für EU-Anleger: Aufgrund der PRIIPs-Verordnung können Privatanleger in der EU keine US-amerikanischen ETFs (wie VOO oder VTI) direkt erwerben. Für den Aktienanteil kommen stattdessen UCITS-konforme ETFs wie CSPX (iShares Core S&P 500) oder VUAA (Vanguard S&P 500) in Betracht, die an europäischen Börsen handelbar sind.
Frühzeitiger Ruhestand und die 4%-Regel — Ein 50-Jahres-Szenario
Die ursprüngliche Forschung wurde für einen 30-jährigen Ruhestand konzipiert. Wer mit 45 Jahren aufhört zu arbeiten, steht vor einem Szenario, das die Studien nie vollständig untersucht haben.
- 4 % Entnahme + 30 Jahre: 95 % historische Erfolgsquote
- 4 % Entnahme + 50 Jahre: 85 % Erfolgsquote
- 4 % Entnahme + 60 Jahre: 82 % Erfolgsquote
Es mag verlockend sein, 85 % als “immer noch gut” zu werten. Doch diese 15 % Misserfolg bedeuten, im Alter von über 80 Jahren ohne Vermögen dazustehen — ohne die Möglichkeit, gegenzusteuern. Das asymmetrische Risiko dieses Ausfalls ist aus einer bloßen Erfolgsquote nicht ablesbar.
Für einen 45-jährigen Ruhestandshorizont empfiehlt die Forschung eine sichere Rate von ca. 3,5 %. Für 60-jährige Szenarien legt Early Retirement Now 3,25 % nahe. Ein pragmatischer Mittelweg: zu Beginn eine niedrigere Entnahmerate anstreben und in den ersten Jahren durch Teilzeitarbeit oder freiberufliche Tätigkeit die Portfolioabhängigkeit reduzieren. Wer zuerst das benötigte Portfoliovolumen berechnen möchte, findet in Die 25-Fache-Regel eine schrittweise Anleitung.
Die eigene sichere Entnahmerate bestimmen — Fünf persönliche Variablen
Eine sichere Entnahmerate ist keine universelle Zahl. Sie ist eine Funktion von fünf persönlichen Variablen:
- Rentendauer: Unter 30 Jahre → 4 %; 40–50 Jahre → 3,5 %; über 50 Jahre (FIRE) → 3,25–3,5 %
- Vermögensaufteilung: 50–70 % Aktien → 4,0–4,1 %; 20–40 % Aktien → 3,2–3,7 %
- Ausgabenflexibilität: Können Sie Ausgaben in einem schlechten Jahr um 10–20 % senken? Falls ja, sind Leitplanken-Strategien denkbar. Falls nein, ist eine konservative Festrate realistischer.
- Einkommen außerhalb des Portfolios: Vorhersehbare Einkünfte aus öffentlicher Rente, Leibrenten oder Teilzeitarbeit (Ausgestaltung je nach Land unterschiedlich) reduzieren die notwendige Entnahmerate proportional.
- Marktbewertung zum Rentenbeginn: Morningstar passt seine Empfehlung jährlich an — ein Hinweis darauf, dass hohe Bewertungen zum Rentenbeginn historisch mit niedrigeren sicheren Raten korrelieren.
Die versteckte Mindestrendite hinter jeder Entnahmerate
Die meisten Diskussionen zur 4%-Regel konzentrieren sich auf historische Erfolgsquoten. Was dabei selten gezeigt wird, ist die arithmetische Untergrenze: die minimale Portfoliorendite, die Ihre Kapitalanlage im Jahresdurchschnitt erzielen muss, damit der Plan überhaupt aufgeht.
Die folgende Tabelle ist kein Backtest. Sie ist eine mathematische Berechnung: die niedrigste konstante nominale Jahresrendite, bei der ein Portfolio in Jahr 30 exakt null erreicht — kein Sicherheitspuffer, kein Scheitern, kein Überschuss. In jedem Jahr, in dem Ihr reales Portfolio schneller wächst als diese Untergrenze, gewinnen Sie Spielraum; in jedem Jahr darunter verlieren Sie ihn.
Annahmen: Portfoliostartwert = 1,0 (Index), Entnahmen beginnen im ersten Jahr mit der angegebenen Rate und steigen jedes Folgejahr um den angegebenen Inflationssatz. Alle Werte mathematisch berechnet (Python-Verifikation).
| Entnahmerate | Inflation 2 % / Jahr | Inflation 3 % / Jahr | Inflation 4 % / Jahr |
|---|---|---|---|
| 3,0 % | 1,20 % nominal | 2,13 % nominal | 3,06 % nominal |
| 3,5 % | 2,19 % nominal | 3,13 % nominal | 4,06 % nominal |
| 4,0 % | 3,10 % nominal | 4,05 % nominal | 4,99 % nominal |
| 4,5 % | 3,95 % nominal | 4,90 % nominal | 5,84 % nominal |
Diese Werte sind Gewinnschwellen, keine Renditeziele. Ein 60/40-Portfolio erzielte in US-Daten historisch eine nominale Jahresrendite von etwa 7–8 % — weit über der Gewinnschwelle von 4,05 % — was die hohen historischen Erfolgsquoten erklärt. Bei anhaltend 4 % Inflation steigt die Gewinnschwelle für eine 4-%-Entnahme jedoch auf fast 5 % nominal, sodass ein einziges unterdurchschnittliches Jahr sofort zu einem Defizit führt.
Zwei Erkenntnisse stechen hervor. Erstens: Eine Senkung der Entnahmerate von 4,0 % auf 3,5 % verringert bei 3 % Inflation die Gewinnschwelle von 4,05 % auf 3,13 % — ein Rückgang von knapp einem Prozentpunkt. Diese Reduktion der Entnahmerate um 0,5 Prozentpunkte schafft jährlich rund einen Prozentpunkt zusätzlichen Puffer. Zweitens: Die Gewinnschwelle einer 3-%-Entnahmerate liegt bei 3 % Inflation bei lediglich 2,13 % nominal — ein Niveau, das in vielen Zinsumgebungen mit einem einfachen Anleihenportfolio erreichbar ist. Das erklärt den nahezu strukturellen Sicherheitsvorteil konservativer Renten.
- Ihre Entnahmerate ist nicht nur eine Ausgabenentscheidung — sie enthält eine implizite Renditeanforderung. Kennen Sie Ihre Gewinnschwelle, bevor Sie Ihre Rate festlegen.
Zusammenfassung
- Ursprung der 4%-Regel: Bengen (1994) SAFEMAX 4,15 %, basierend auf US-Daten — nicht direkt auf globale Portfolios übertragbar
- Trinity-Studie (1998): 4 % + 50/50 + 30 Jahre = 95 % Erfolgsquote. Grundlage: US-S&P-500-Daten
- Längere Zeiträume erfordern niedrigere Raten: 50 Jahre → ca. 3,5 %, 60 Jahre → ca. 3,25 %
- Vermögensaufteilung bestimmt die Obergrenze: 100 % Aktien senkt die sichere Rate auf ca. 3,8 % wegen erhöhter Volatilität
- Sequenzrisiko: Verluste in den ersten Rentenjahren sind am gefährlichsten — Bond-Tent-Puffer für die ersten 3–5 Jahre aufbauen
- Flexible Strategien setzen echte Flexibilität voraus: Wer Ausgaben nicht kürzen kann, ist mit einer konservativen Festrate besser bedient
- Morningstars 3,9 % (2026) basiert auf einem konservativen Portfolio — eine jährlich aktualisierte Schätzung, kein fester Wert
- Bengen aktualisierte seinen SAFEMAX auf 4,7 % bei breiter Diversifikation (erstmals 2021 berechnet, 2023 im FPA-Journal erneut überprüft)
Die 4%-Regel ist ein Ausgangspunkt, kein Endpunkt. Wer den eigenen Rentenzeitraum, die Vermögensaufteilung und die tatsächliche Ausgabenflexibilität einbezieht, wird feststellen, dass seine persönliche sichere Rate irgendwo zwischen 3,25 % und 4,7 % liegt. Den richtigen Bereich zu kennen — das ist die eigentliche Aufgabe der Ruhestandsplanung.
Häufige Fragen
F. Was ist die 4%-Regel einfach erklärt? Die 4%-Regel besagt, dass man im ersten Rentenjahr 4 % des Portfolios entnehmen und diesen Betrag jedes Jahr um die Inflationsrate erhöhen kann, ohne das Vermögen innerhalb von 30 Jahren aufzubrauchen. Sie geht auf William Bengens Analyse von US-Marktdaten ab 1926 zurück und wurde 1998 durch die Trinity-Studie bestätigt: 4 % + 50/50-Portfolio + 30 Jahre = 95 % Erfolgsquote. Beide Studien basieren auf amerikanischen Daten und sind nicht direkt auf globale Portfolios übertragbar.
F. Gilt die 4%-Regel noch im Jahr 2026? Als Ausgangspunkt ja, aber nicht als feste Antwort. Morningstar empfiehlt für 2026 eine Rate von 3,9 % (Aktienanteil 30–50 %), nachdem dieser Wert zwischen 2021 und 2026 zwischen 3,3 % und 4,0 % geschwankt hat. Wer einen Zeithorizont von mehr als 40 Jahren oder ein konservatives Portfolio hat, sollte unter 4 % bleiben.
F. Was ist das Sequenzrisiko und warum ist es wichtig? Das Sequenzrisiko beschreibt die Gefahr, dass frühe Verluste in der Rentenphase das Portfolio dauerhaft schädigen, selbst wenn die langfristige Durchschnittsrendite identisch ist. Da Entnahmen auch in Abschwungphasen erfolgen müssen, werden Verluste realisiert und die Basis für zukünftiges Wachstum verkleinert. Die ersten drei bis fünf Jahre nach dem Renteneintritt — die sogenannte Rote Zone — gelten als größtes Risikofeld.
F. Welche Alternativen zur 4%-Regel gibt es? Die wichtigsten Alternativen sind: konservativ-feste Rate (3,0–3,5 %) für Zeiträume von 40+ Jahren, Bengens aktualisierte 4,7 % bei breiter Diversifikation, die Guyton-Klinger-Leitplanken (5,2–5,6 %) für Personen mit echter Ausgabenflexibilität sowie Morningstars flexibles Modell (bis 5,7 %). Leitplanken-Strategien funktionieren nur, wenn man die Kürzungsregeln bei schlechter Marktlage tatsächlich befolgt.
F. Ist 4 % für einen frühzeitigen Ruhestand zu hoch? Bei einem 50-jährigen Ruhestandszeitraum sinkt die historische Erfolgsquote von 95 % auf 85 %. Diese 15 % Misserfolgswahrscheinlichkeit bedeutet, nach dem 80. Lebensjahr ohne Vermögen dazustehen — ohne Zeit gegenzusteuern. Für FIRE mit einem Zeithorizont von 45–60 Jahren empfehlen Forscher einen Startpunkt von 3,25–3,5 % oder einen hybriden Ansatz mit Teilzeiteinkommen in den ersten Jahren.
Dieser Artikel dient ausschließlich allgemeinen Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung oder Empfehlung eines bestimmten Finanzprodukts dar. Alle Kapitalanlagen sind mit Risiken verbunden, einschließlich des möglichen Verlusts des eingesetzten Kapitals. Historische Daten und Simulationen sind keine Garantie für zukünftige Ergebnisse. Die steuerliche Behandlung von Entnahmen variiert je nach Land und individueller Situation.