Die 25-Fache-Regel: So berechnen Sie Ihr Ruhestandsziel

16. Juni 2026

Wie viel Vermögen brauchen Sie tatsächlich für den Ruhestand? Die Antwort lässt sich auf eine einzige Formel reduzieren: jährliche Ausgaben × 25. Das ist der Ausgangspunkt.

Hinter dieser schlicht wirkenden Gleichung stehen fast hundert Jahre Marktdaten und Tausende von Simulationen. Ob der Faktor 25 für Ihre Situation ausreicht, hängt davon ab, wann Sie in Rente gehen, wie lange Sie leben — und in welcher Reihenfolge die Marktrenditen eintreffen. Diese letzte Variable wird häufig unterschätzt, obwohl sie über den Erfolg oder Misserfolg eines Entnahmeplans entscheiden kann.

Was die 25x-Regel ist — und ihre Verbindung zur 4%-Regel

Die Mathematik ist direkt.

Ruhestandsziel = jährliche Ausgaben × 25 Jährliche sichere Entnahme = Vermögen × 4 %

Beide Formeln sind dieselbe Gleichung, nur von verschiedenen Seiten betrachtet. 1 ÷ 0,04 = 25. Der Grundgedanke: Wer im ersten Rentenjahr 4 % des Portfolios entnimmt und diesen Betrag jährlich um die Inflation anpasst, hat historisch gesehen über 30 Jahre kaum ein Risiko der Kapitalerschöpfung.

Der 25x-Ansatz ist in der Praxis oft intuitiver als die 4%-Betrachtung, weil man von den eigenen Ausgaben ausgeht. Wer jährlich 36.000 € ausgibt, benötigt ein Vermögen von 900.000 €. Erscheint dieser Betrag unerreichbar, lohnt sich zuerst ein Blick auf die Ausgabenstruktur.

Praktischer Hinweis: Die Ausgaben im Ruhestand entsprechen selten exakt dem heutigen Niveau. Die ersten zehn Jahre — die sogenannte „Go-go-Phase” — sind häufig ausgabenintensiver als erwartet: Reisen, aufgeschobene Projekte, neue Freizeitaktivitäten. Planen Sie mit einer Schwankungsbreite von ±10–20 % um Ihren heutigen Wert.

Die Herkunft der Regel: Bengen 1994 und die Trinity-Studie

Diese Formel ist kein theoretisches Konstrukt, sondern das Ergebnis empirischer Datenauswertung.

Laut der dokumentierten Geschichte der 4%-Regel analysierte der US-amerikanische Finanzplaner William Bengen 1994 historische Marktrenditen ab dem Jahr 1926. In einem Portfolio aus 50 % US-Large-Cap-Aktien und 50 % mittelfristigen Anleihen fand er, dass 4 % die höchste Entnahmerate war, bei der das Kapital über jeden historisch beobachteten 30-Jahres-Zeitraum erhalten blieb — die sogenannte SAFEMAX.

1998 überprüften drei Professoren der Trinity University (Cooley, Hubbard und Walz) diese Ergebnisse unabhängig mit Daten von 1926 bis 1995. Die daraus entstandene Trinity-Studie gilt als Referenz in der Ruhestandsforschung.

Bemerkenswert ist, dass Bengen seine eigene Regel kontinuierlich fortgeschrieben hat. Die Aufnahme von Small-Cap-Aktien erhöhte die SAFEMAX auf 4,3 %, dann auf 4,5 %. In seinem Buch A Richer Retirement (2025) argumentiert er, dass ein breit diversifiziertes Portfolio — einschließlich Mid-Cap, Small-Cap und Micro-Cap — eine SAFEMAX von 4,7 % trägt.

Zwei Einschränkungen sind dabei wesentlich:

Hinweis für Anleger in der EU: Aufgrund der PRIIPs-Verordnung können Privatanleger in der EU US-amerikanische ETFs (wie VOO oder VTI) in der Regel nicht direkt erwerben. Stattdessen stehen UCITS-konforme ETFs zur Verfügung, die dieselben Indizes abbilden — beispielsweise VUAA oder CSPX für den S&P 500.

Ihre persönliche Ruhestandssumme berechnen — Schritt für Schritt

Abstrakte Zahlen gewinnen erst dann Bedeutung, wenn Sie Ihre eigenen Daten einsetzen. Vier Schritte:

  1. Erwartete jährliche Ausgaben im Ruhestand schätzen (ausgehend von heutigen Ausgaben, angepasst)
  2. Multiplikation mit 25
  3. Separate Einkommensquellen (staatliche Rente, Nebentätigkeit, Mieteinnahmen usw.) berücksichtigen: deren Jahresbetrag × 25 vom Ziel abziehen
  4. Ergebnis = der Portfolioanteil, den Sie selbst aufbauen müssen
SzenarioJährliche AusgabenZiel (× 25)
Sparsam24.000 €/Jahr600.000 €
Standard36.000 €/Jahr900.000 €
Komfortabel60.000 €/Jahr1.500.000 €

Der Abzug für separate Einkommensquellen hat einen spürbaren Effekt. Wer jährlich 12.000 € aus staatlicher Rente oder Nebentätigkeit erwartet, reduziert das Portfolioziel um 12.000 × 25 = 300.000 €.

Ein häufiger Denkfehler: die Annahme, dass Ausgaben im Ruhestand automatisch sinken. Tatsächlich zeigen Studien zum realen Ausgabeverhalten von Rentnern, dass die ersten Jahre oft ausgabenreicher sind als erwartet. Eine zu optimistische Ausgabenschätzung verfälscht das gesamte Ziel.

Drei Grenzen der 25x-Regel

Einfache Formeln lassen Variablen außen vor. Diese drei sind die wesentlichen.

Grenze 1 — Inflation: Die 4%-Regel setzt voraus, dass die jährliche Entnahme an die Inflation angepasst wird. Wird ein fixer Betrag entnommen, sinkt die reale Kaufkraft mit der Zeit. Bei 3 % jährlicher Inflation besagt die Regel 72, dass sich das Preisniveau ungefähr alle 24 Jahre verdoppelt. Analysen von Blueprint Income zeigen: Bei 3 % Inflation beträgt die Kaufkraft nach 30 Jahren noch etwa 41 % des Ausgangswerts. Wie die Inflation Ihr Vermögen über Jahrzehnte aushöhlt, erklärt Wie die Inflation den Wert Ihrer Ersparnisse still aushöhlt ausführlicher.

Vergangene JahreKaufkraft bei 2 % Inflationbei 3 %bei 4 %
0100100100
10827468
20675546
30554131

(Index, Ausgangswert = 100. Annahme: null Investitionsrendite — zur Veranschaulichung des Inflationsrisikos)

Grenze 2 — Sequenzrisiko (Sequence of Returns Risk): Dies ist das am häufigsten unterschätzte Risiko bei der Ruhestandsplanung. Selbst wenn zwei Anleger über 30 Jahre dieselbe Durchschnittsrendite erzielen, erzielt derjenige, der in den ersten Jahren starke Kursverluste erleidet, ein erheblich schlechteres Ergebnis.

Betrachten Sie zwei Rentner mit identischen Portfolios und identischer 30-Jahres-Durchschnittsrendite:

Szenario A entnimmt Lebenshaltungskosten aus einem sinkenden Portfolio. Die Vermögensbasis schrumpft, bevor der Zinseszinseffekt einsetzen kann. Das Ergebnis: Kapitalverzehr Jahre früher als in Szenario B — trotz gleicher Durchschnittsrendite. Dieser Mechanismus ist der Grund, warum einfache Durchschnittsrendite-Berechnungen im Ruhestandskontext trügerisch sind.

Liniendiagramm mit zwei Portfolioverläufen über 30 Jahre mit identischer Durchschnittsrendite. Szenario A (frühe Verluste) fällt bis Jahr 30 auf Index 43, Szenario B (frühe Gewinne) hält sich bei 72 — eine Veranschaulichung des Sequenzrisikos.
Sequenzrisiko: gleiche Durchschnittsrendite, unterschiedliche Reihenfolge. Frühe Verluste (Szenario A) erschöpfen ein Portfolio deutlich schneller als frühe Gewinne (Szenario B). Bildungszwecke — keine Garantie für künftige Ergebnisse.

Grenze 3 — Langlebigkeit: Die ursprüngliche Formel geht von einem 30-jährigen Ruhestand aus. Wer mit 50 oder 55 in den Ruhestand geht, benötigt möglicherweise 40 bis 50 Jahre Kapitaldeckung. Ein auf 30 Jahre ausgerichteter 25x-Faktor kann dann unzureichend sein.

Morningstar-Empfehlung 2025–2026: Morningstars Forschung, die auf zukunftsorientierten Renditeannahmen statt auf historischen Daten basiert, empfiehlt für einen 30-jährigen Horizont, ein ausgewogenes Portfolio und eine Erfolgsquote von 90 % eine sichere Entnahmerate von 3,9 % — gegenüber 3,7 % im Jahr 2024 angehoben und für 2026 bestätigt. Quelle: Morningstar — What’s a Safe Retirement Withdrawal Rate for 2026?. Der Unterschied zur historischen 4%-Zahl ist methodologischer Natur: 4 % stammt aus historischen Simulationen, 3,9 % berücksichtigt Erwartungen für möglicherweise niedrigere Renditen in der Zukunft. Für eine konservative Planung empfiehlt sich ein Ziel von rund 26x statt 25x.

Anpassung des Faktors nach Szenario

Je länger der Ruhestand dauert, desto höher der erforderliche Faktor.

SzenarioRentenalterDauerEmpfohlene EntnahmerateErforderlicher Faktor
Standardrente65 Jahre30 Jahre4,0 %25x
Konservativer Puffer65 Jahre30 Jahre3,9 % (Morningstar)~26x
Frühzeitige Rente55 Jahre40 Jahre3,5 %~29x
FIRE (sehr früh)Unter 5045+ Jahre3,0 %~33x

(Basierend auf historischen Simulationswerten. Ergebnisse hängen von Portfoliozusammensetzung und Renditeannahmen ab. Keine Garantie für künftige Ergebnisse.)

In der FIRE-Community haben sich zudem spezifische Varianten etabliert:

FIRE-TypKonzeptZielwert
Lean FIREMinimaler Lebensstandard, früher Ruhestand25–29x (geringere Ausgaben reduzieren das Ziel)
Fat FIREKomfortabler früher Ruhestand33x oder mehr
Barista FIRETeilruhestand mit Nebeneinkommen20–25x (Einkommen schließt die Lücke)

Ein 33x-Ziel erscheint zunächst entmutigend. Die andere Perspektive: Jede Reduzierung der jährlichen Ausgaben um 1.000 € vermindert das Ruhestandsziel um 25.000 €. Dieser Hebel ist oft unterschätzt. Wie Gebühren Ihr aufgebautes Portfolio langfristig verringern, zeigt Wie 1 % Gebühr über 40 Jahre die Hälfte Ihres Vermögens kostet — ein Aspekt, der beim Aufbau des Ruhestandsvermögens häufig übersehen wird.

Den Zusammenhang zwischen Sparquote und Renteneintrittszeitpunkt erklärt Finanzielle Unabhängigkeit mit FIRE: Grundlagen, Zahlen und Fallstricke ausführlich. Die vollständigen Überlebensdaten nach Zeithorizont hinter diesen Entnahmeraten finden Sie in der Analyse der 4%-Regel.

Der tatsächliche Faktor, wenn andere Einkünfte einen Teil der Ausgaben decken

Die meisten Artikel und Rechner gehen davon aus, dass das Portfolio 100 % der Ausgaben im Ruhestand finanzieren muss. In der Realität decken staatliche Rente, Nebentätigkeiten oder Mieteinnahmen häufig einen Teil der Ausgaben. Sobald andere Einkünfte einen Teil übernehmen, sinkt der erforderliche Sparfaktor — und die Berechnung ist einfach genug, um sie im Kopf durchzuführen.

Die Formel: Effektiver Faktor = (1 − Einkommensanteil) ÷ Entnahmerate

Beispiel: Eine staatliche Rente deckt 20 % der Ausgaben, und Sie planen mit 4 % Entnahmerate über 30 Jahre: effektiver Faktor = (1 − 0,20) ÷ 0,04 = 20x, nicht 25x.

Die folgende Tabelle wendet diese Formel auf die vier Entnahmeraten aus dem vorherigen Abschnitt an:

Andere Einkünfte (Anteil an Ausgaben) →4,0 % (25x)3,9 % (~26x)3,5 % (~29x)3,0 % (~33x)
Keine (Portfolio trägt 100 %)25,0x25,6x28,6x33,3x
20 % der Ausgaben gedeckt20,0x20,5x22,9x26,7x
40 % der Ausgaben gedeckt15,0x15,4x17,1x20,0x
60 % der Ausgaben gedeckt10,0x10,3x11,4x13,3x

(Annahme: Einkommensquelle ist dauerhaft für den gesamten Ruhestandszeitraum. Formel: effektiver Faktor = (1 − Einkommensanteil) ÷ Entnahmerate. Illustrative Annahmen — keine Garantie für künftige Ergebnisse.)

Drei Erkenntnisse aus dieser Tabelle, die in Standardartikeln selten zu finden sind:

Erstens: Die Wechselwirkung zwischen Entnahmerate und Einkommensanteil zählt mehr als jede Variable allein. Ein konservativer Frührentner ohne weitere Einkünfte (3,0 % Entnahmerate) braucht 33,3x — eine abschreckende Zahl. Mit einer Rente, die 40 % der Ausgaben deckt, sind es nur noch 20x. Je niedriger die Entnahmerate, desto stärker wirkt sich der Einkommensanteil aus.

Zweitens: 40 % Deckung ist realistischer als es klingt. Eine bescheidene gesetzliche Rente kombiniert mit ein bis zwei Tagen Nebentätigkeit pro Woche kann leicht 30–40 % moderater Rentenausgaben decken. Im Szenario Frühverrentung mit 55 (3,5 % Rate) bedeutet das einen Faktor von 17,1x statt 28,6x — ein Unterschied, der mehrere Jahre Sparzeit ausmachen kann.

Drittens: Diese Werte gelten auf Vorsteuer-Basis. Wenn die Einkommensquelle steuerpflichtig ist (etwa eine staatliche Rente, die als normales Einkommen gilt), ist der tatsächliche Netto-Einkommensanteil geringer als der Brutto-Wert. Passen Sie die Tabelle entsprechend Ihres effektiven Steuersatzes auf dieses Einkommen nach unten an.

Ein wichtiger Vorbehalt: Die Formel setzt voraus, dass die Einkommensquelle dauerhaft ist. Wenn die Einkünfte nur vorübergehend fließen — etwa Nebentätigkeit, die nach zehn Jahren endet — ist eine Barwert-Berechnung erforderlich, keine einfache Multiplikation. Als grobe Faustformel gilt: Eine Einkommensquelle, die nur die ersten zehn Jahre des Ruhestands abdeckt, leistet etwa ein Drittel bis zwei Fünftel des Portfolioentlastungseffekts einer dauerhaften Quelle (der genaue Wert hängt vom angenommenen Diskontierungssatz ab; dies ist eine Näherung, keine präzise Barwertrechnung).

Zusammenfassung: Checkliste in sechs Punkten

Eine hohe Zielsumme signalisiert nicht das Scheitern eines Plans — sie macht ihn konkret. Der Abstand zwischen der Zielsumme und dem aktuellen Vermögen ist das Problem, das Sie nun systematisch angehen können.

Häufige Fragen

Was ist die 25x-Regel für den Ruhestand?

Die 25x-Regel besagt, dass Sie das 25-fache Ihrer erwarteten Jahresausgaben ansparen müssen, um in den Ruhestand gehen zu können. Sie basiert auf einer jährlichen Entnahmerate von 4 %, bei der das Portfolio historisch gesehen über 30 Jahre nicht aufgebraucht wird. Bei 36.000 Euro Jahresausgaben beträgt das Ziel also 900.000 Euro.

Ist die 25x-Regel im Jahr 2026 noch gültig?

Als Ausgangspunkt bleibt sie sinnvoll. Morningstar empfiehlt in seiner Analyse 2025–2026 jedoch eine sichere Entnahmerate von 3,9 % (etwa Faktor 26), basierend auf zukünftigen Renditeannahmen — ein Anstieg gegenüber 3,7 % im Jahr 2024. Wer früh in Rente geht oder konservativ plant, sollte Faktor 28 bis 33 anstreben.

Was ist das Sequenzrisiko (Sequence of Returns Risk)?

Das Sequenzrisiko beschreibt die Gefahr, dass starke Kursverluste in den ersten Jahren des Ruhestands das Portfolio dauerhaft schädigen, selbst wenn die langfristige Durchschnittsrendite gleich bleibt. Wer in einem fallenden Markt Lebenshaltungskosten entnimmt, verringert die Basis, bevor der Zinseszinseffekt einsetzen kann.

Wie berechne ich meine persönliche Ruhestandssumme?

Schätzen Sie Ihre voraussichtlichen Jahresausgaben im Ruhestand und multiplizieren Sie den Betrag mit 25. Falls Sie separate Einkommensquellen haben (staatliche Rente, Nebentätigkeit, Mieteinnahmen), ziehen Sie deren Jahresbetrag mal 25 vom Gesamtziel ab. Das Ergebnis ist der Portfolioanteil, den Sie selbst aufbauen müssen.

Brauche ich bei Frühverrentung mehr als das 25-fache?

Ja. Bei einem Ruhestandshorizont von 40 bis 50 Jahren empfehlen viele FIRE-Praktiker eine Entnahmerate von 3 bis 3,5 %, was einem Faktor von 29 bis 33 entspricht. Wer vor dem 50. Lebensjahr in Rente gehen will, sollte mindestens Faktor 33 als Richtwert verwenden.


Dieser Artikel dient ausschließlich allgemeinen Informationszwecken und stellt keine Empfehlung für bestimmte Anlageprodukte oder Wertpapiere dar. Jede Anlage birgt das Risiko eines Kapitalverlusts. Alle Angaben beruhen auf historischen Daten und Modellierungsannahmen und garantieren keine zukünftigen Erträge. Alle Formeln basieren auf Vorsteuerwerten; die tatsächlichen Nettoergebnisse variieren je nach Steuerrecht und persönlicher Situation. Anlageentscheidungen liegen in Ihrer eigenen Verantwortung.

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